American Eros

Von Johann Elle-Marten

Mr. Henderson hat mal wieder einen Haufen schöner Männer mit unwirklichen Körpern zu sich nach Hause eingeladen und sie gebeten, sich ihrer Kleidung entledigen. Die meisten von ihnen sind Pornostars, haben damit also keinerlei Problem. Das Sensationelle an Hendersons Fotografie sind aber nicht seine Objekte, deren überzüchtetes und offensichtlich durch den Zusatz chemischer Hilfsmittel entstandenes Fleisch nicht jedermanns Geschmack sein muss. Das, was Henderson zu einem absoluten Ausnahme-Fotografen und Meister seines Fachs macht, ist, dass er die Nacktheit-Profis dazu bewegt, nicht nur die äußeren Hüllen vor ihm(und uns) fallen zu lassen, sondern sich der intimen Situation zwischen Fotograf und Model zu öffnen und trotz ihrer fast puppenartigen Perfektion für den Moment, in dem das Foto entsteht, einfach sie selbst zu sein. Das ist hinreißend und wird durch den Fotografen durch nichts weiter gestört, als ein paar dezente Farbtupfer und das richtige, sparsame Licht. 300 Seiten schöne Männer mit offenem Blick und offener Hose. Geil!

American Eros

American Eros
Mark Henderson
Bruno Gmünder, 288 Seiten, 79,95 Euro

“MÄNNER” und “TETU” zur Homo-Ehe

Mit der Veranstaltung “Willst Du mich heiraten?” soll auf die jüngsten Ereignisse in Frankreich eingegangen werden und auf die Frage, was das für Deutschland und die zukünftige Politik in unserem Land bedeutet. Paul Parant Redakteur der Zeitschrift “Têtu”, der französischen “Schwester” des MÄNNER Magazins und Autor des Buches “Osez… le mariage gay et lesbien” berichtet aus erster Hand über die gesetzlichen Neuerungen in Frankreich sowie die damit verbundenen gesellschaftlichen Auswirkungen. David Berger, Chefredakteur von “Männer” spricht und diskutiert mit seinem französischen Kollegen über die Debatten in Deutschland kurz vor der Bundestagswahl. Die erste von Berger verantwortete Ausgabe der MÄNNER (Juni 2013) hatte die Homo-Ehe – unter dem Titel “Wollen wir heiraten?” – bereits zum viel beachteten Schwerpunktthema gemacht.

Zeit: Freitag, 14. Juni 2013, 19.00 Uhr
Ort: Rathaus Schöneberg, Casino, 2. Obergeschoss

Der Eintritt ist frei. Eine konsekutive Simultanübersetzung ist vorgesehen. Aktuelle Informationen: www.maneo.de und www.bleublancrose.com

UNVERHEIRATET: MÄNNER IM JUNI

Liebe Leser,

Die Pessimisten unter Euch werden von diesem Heft vielleicht angenehm überrascht sein. Auch wenn „Die Welt“ am 16. Februar 2013 meldete „Theologe wird Chefredakteur der MÄNNER“, ist das Magazin nicht zu einer theologischen Zeitschrift geworden. Das wird selbstverständlich so bleiben. Vieles, was sich über Jahre bewährt hat und wofür unsere Leser die MÄNNER schätzen, werden wir weiter ausbauen.  Nicht zuletzt durch die zahlreichen Exklusiv-Interviews mit wichtigen und interessanten Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Unterhaltung nimmt das Magazin einen einzigartigen Platz innerhalb der LGBT-Medien ein.
Verstärkt sollen spannende  Reportagen, pointierte Kommentare und aufregende, auch mal tiefer schürfende Hintergrundberichte eine Informationstiefe und Qualität bieten, die das Internet und kostenlose Printmedien so nicht leisten können.
Dem Bereich kontroverser Debatten aus der Homo-Perspektive wollen wir verstärkt Raum in unserem Magazin geben. Viel zu oft noch werden Kontroversen über uns geführt, weil wir es versäumt haben, diese rechtzeitig selbst in die Hand zu nehmen. Die Homo-Ehe, der Debattenschwerpunkt dieses Monats, der sich durch das ganze Heft zieht, ist dafür ein bezeichnendes Beispiel.
Im Sinne eines „engagierten Journalismus“ sehe ich dabei als neuer Chefredakteur zwei zentrale Leitmotive für die zukünftige Ausrichtung der MÄNNER:  Zunächst eines, das den Blick „nach außen“ richtet und das vielfältige, auch heute noch immer dringend nötige Engagement für Gleichberechtigung und Akzeptanz begleitet – je nach Situation einfach berichtend, kritisch kommentierend, weiter motivierend oder auch offensiv Aktionen startend.  Wie erfolgreich so etwas sein kann, hat zuletzt die in nahezu allen großen Medien Aufsehen erregende Aktion „Stoppt kreuz.net“ des Bruno Gmünder Verlags und der MÄNNER gezeigt. Um gesamtgesellschaftlich und politisch im Bereich der Homo-Rechte erfolgreich zu sein, bedarf es nicht nur eines weitgehend eindeutigen Votums aus dem Bereich der „Community“. Wir brauchen auch Stimmen, die dieses überzeugend und unüberhörbar vortragen.
Damit untrennbar verbunden und für ebenso wichtig halte ich das zweite Leitmotiv, das man in dem Satz zusammenfassen kann: „Schwules Leben macht großen Spaß“. Körperlichkeit, Verlangen, Erotik und Sex sind ganz wesentliche Bestandteile  auch schwuler Lebensstile. Um unseren verhältnismäßig offenen Umgang damit beneiden uns viele Heteros. In Zeiten erneut zunehmender scheinheiliger Prüderie gewinnt das eine ganz eigene Bedeutung. So hat es ein Lifestyle-Magazin für schwule Männer nicht nötig, diesen Bereich schamhaft zu verstecken. Vielmehr werden wir ihn weiterhin selbstbewusst und zugleich ästhetisch wertvoll präsentieren.
„Großer Spaß“ an der Vielfalt schwulen Lebens ist es auch, mit dem die
MÄNNER-Redaktion dieses Heft gestaltet hat – und den wir Euch bei der Lektüre wünschen!

DAVID BERGER (Chefredaktion)

Frei gesprochen

Hanno Koffler und Max Riemelt (Bild: Bernhard Musil)

Hanno Koffler und Max Riemelt (Bild: Bernhard Musil)

Max Riemelt und Hanno Koffler spielen in „Freier Fall“ zwei Polizisten, die sich in der deutschen Provinz ineinander verlieben. MÄNNER traf die beiden in der deutschen Hauptstadt zu einem Gespräch über schwule Identität und Sexszenen unter Freunden

Text und Interview: Paul Schulz
Fotos:
Bernhard Musil
Grooming:
Anna Neugebauer – Bigoudi

Hanno Koffler und Max Riemelt sind ein schönes Paar. Im Kino jedenfalls. Im wahren Leben sitzen die beiden Schauspieler an einem für alle Beteiligten unangenehm frühen Donnerstag Morgen leicht abgepudert nebeneinander auf der Couch des Fotografen Bernhard Musil, der sie wenig später für das Cover der MÄNNER ablichten wird und gucken sehr zufrieden.
Dazu haben sie allen Grund. „Freier Fall“, der Streifen wegen dem wir alle hier sind, ist der vielleicht beste Film mit schwulen Figuren, den es seit „Sommersturm“, immerhin neun Jahre alt, im deutschen Kino zu sehen gibt. Und trägt seinen beiden Stars, seit er im Februar auf der Berlinale die „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnet hat, viel Ruhm und Ehre ein.
Damit war nicht unbedingt zu rechnen. „Freier Fall“ ist der erste Spielfilm von Regisseur Stephan Lacant und das erste Drehbuch von Autor Karsten Dahlem, hatte ein eher übersichtliches Budget und erzählt die Geschichte zweier Polizisten die sich in einer kleinen, nicht näher bezeichneten Stadt irgendwo in Deutschland ineinander verlieben. Ganz ohne Kitsch und ohne die Story sexuell fürs heterosexuelle Publikum zu entschärfen oder inhaltlich zu vereinfachen.
Sie geht so: Marc (Hanno Koffler), Anfang 30 erwartet mit seiner Freundin Bettina (Katharina Schüttler) ein Kind und ist gerade in einen Flachbau mit kleinem Garten gezogen, direkt neben dem Haus seiner Eltern. Als er auf einer Fortbildung den jüngeren Kollegen Kay (Max Riemelt) kennenlernt. Der kifft, fährt einen Jeep und will „Das System von innen unterwandern“. Bei einem gemeinsamen Lauftraining kommt es zu einem ersten, versehentlichen Kuss, den Marc „Was soll die Scheiße?“ findet und Kay als „nur ein Spaß“ abtut. Mehr war erst mal nicht. Marc fährt nach Hause, schläft mit seiner Freundin und denkt ab und zu an Kay.
In der zweiten Runde der Fortbildung treffen die beiden Männer wieder aufeinander und dieses Mal passiert tief im Wald mehr als nur ein Kuss, wovor Marc sprichwörtlich Reißaus nimmt.
Das könnte es gewesen sein, würde sich Kay nicht wenig später in Marcs Einheit versetzen lassen und einfach nur abwarten, bis Marc endlich soweit ist. Dann beginnt etwas, dass das Leben aller Menschen die es betrifft verändert, zum Guten oder Schlechten, am Ende des Films ist niemand mehr, wer er am Anfang war. Es gibt ein Happy End, aber kein Konventionelles. Trotzdem ist man als schwuler Kinozuschauer nach 100 Minuten sehr glücklich.
Denn „Freier Fall“ ist ein kleines Wunder: ein deutscher Film, in dem zwei hervorragende Schauspieler ein ganz und gar glaubwürdiges männliches Liebespaar abbilden, inklusive völlig unverschämter, beängstigend intimer Sexszenen, die es so noch nie zu sehen gab und die Koffler und Riemelt nicht nur bei Kerlen die auf Kerle stehen endgültig zu Sexsymbolen machen werden.
Der Film ist bis auf die kleinsten Nebenrollen wunderbar gespielt und glänzt mit hübschen Einfällen, wie dem, die offen lesbische Maren Kroymann als Marcs homophobe Mutter zu besetzen. Das Drehbuch verschwendet nicht ein einziges Wort, sondern vertraut ganz zu Recht auf Darsteller und Regisseur Lacant. Der empfiehlt sich mit „Freier Fall“ für sehr viel Größeres. Subtil, gekonnt aber nicht gekünstelt, baut er um seine Darsteller eine kleine, aber komplett realistische Welt, in der hinter den Türen deutscher Provinzbehausungen Homophobie und Spießigkeit genauso lauern wie Verständnis und die Sehnsucht danach ein größerer Mensch zu sein, als man ist. „Wir haben nur ein echtes Arschloch im Film, den homophoben Kollegen. Und der war nötig, um zu zeigen, dass es die gibt.“, erklärt Koffler. Der Rest sind 50 Graustufen Liebe, zwischen denen Marc und Kay sich finden müssen, ohne zu wissen wie.

Eröffnungsfrage, Jungs, habt ihr euch lieb?
(beide lachen)
Koffler: Haben wir uns was?
Riemelt: Ob wir uns lieb haben.
Koffler: Schon, ja.
Riemelt: Das kann man so sagen.

Und ihr kennt euch seit zehn Jahren, richtig?
Riemelt: Ja, da haben wir „Hallesche Kometen“ zusammen gedreht.

Aber befreundet seit ihr noch nicht so lange, oder?
Riemelt: Nein, so richtig Freunde sind wir erst, seit wir vor zwei Jahren zusammen in Marokko „Auslandseinsatz“ gedreht haben, einen Film über junge Soldaten. Das war hart, nicht nur körperlich, aber die Atmosphäre am Set war auch ein bisschen wie im Ferienlager und es hat echt Spaß gemacht, mit Hanno Zeit zu verbringen. Beim Drehen, aber auch einfach so, wenn man zusammen Freizeit hatte und Marrakesch kennengelernt hat. Und da finden sich dann halt Freunde fürs Leben.
Koffler: Aber wir kannten uns vorher, hatten Respekt vor der Arbeit des anderen und konnten uns gut leiden.

War es für die Dreharbeiten zu „Freier Fall“ gut oder schlecht, dass ihr befreundet seit?
Koffler: Im Nachhinein hätte es fast eine Bedingung sein müssen, weil es für mich nicht mehr vorstellbar ist, das mit irgendjemand anderem zu spielen. Das war schon ideal.
Riemelt: Für mich gäb’s da auch keine Alternative zu Hanno. Natürlich könnte man das auch mit einem anderen Kollegen spielen, rein technisch, aber um Verliebtheit glaubhaft rüber zu bringen, bedarf es schon einer gewissen Form von Vertrautheit, die man nicht so von jetzt auf gleich herstellen kann.

Findet ihr euch schön?
Koffler: Naja, Max ist ein sehr gut aussehender Kollege, ein schöner Mann.
Riemelt: Und Hanno hat keinen Mundgeruch.

Ist das die Vorraussetzung für glaubhafte schwule Liebesszenen: keinen Mundgeruch haben?
Riemelt: Man muss da ganz praktisch denken. (grinst)

Hanno, hattest du nach „Sommersturm“, wo du einen sehr selbstbewussten Schwulen gespielt hast, Angst, wieder eine schwule Rolle anzunehmen, weil du vielleicht nicht festgelegt werden wolltest?
Koffler: Ach Quatsch. Erstmal ist „Sommersturm“ inzwischen wirklich eine Weile her und zweitens guck ich mir schon zuerst an, wie interessant der Stoff und die Rolle sind, wie gut das Buch ist und wie weit ich mich da einbringen kann. Und bei „Freier Fall“ fand ich die Geschichte einfach toll. Da ist jemand, der sich in Frage stellt, komplett, sich neu erfährt, auch mit neuer, erst erwachender Sexualität, erste Erfahrungen in der Richtung macht, und sich daraufhin Fragen nach der eigenen Identität stellt. Mit welchen Körperteilen er dabei konkret zu tun hat, war mir dabei aber egal. Ich fand das Buch großartig, die Geschichte toll, die Dreieckskonstellation die da entsteht unheimlich spannend, habe mir aber keinerlei Sorgen gemacht, weil das jetzt vielleicht schon wieder eine schwule Geschichte ist. Darum geht es nicht.

Max, du hast während der Dreharbeiten in einem anderen Interview gesagt, ich zitiere: „Ich spiele gerade einen schwulen Bullen, so richtig mit ficken, total toll.“ War’s toll?
Riemelt: Sowas sagt man natürlich auch, um zu provozieren. Aber es war schon auch toll, ja. Ich wollte schon länger einen Schwulen spielen.

Warum?
Riemelt: Nicht, „um mal einen Schwulen zu spielen“. Sondern um in so eine Figur einzusteigen und das glaubhaft rüberzubringen, aus mir heraus. Auch um meine Palette zu erweitern und weil es darum geht, als Schauspieler in jeder Figur zuhause sein zu können, das ist klar. Man will ja nicht auf den Frauenhelden festgelegt werden. Aber ich habe auch nicht auf Biegen und Brechen nach einer schwulen Rolle gesucht, sondern das hat schon länger gedauert, bis da was gepasst hat. Weil, ich wollte keine Figur spielen, die ein tuckiges Klischee ist und dem Publikum alle fünf Minuten durch irgendeine bescheuerte Aktion, beweisen muss, dass sie schwul ist. Ich wollte eine Figur, die diese Sexualität hat, aber in der ich mich trotzdem wiederfinden kann. Und als ich das Drehbuch zu „Freier Fall“ zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich an vielen Stellen in Kay wiedererkannt.

Wo denn genau?
Riemelt: In der Frotzelei mit Marc, den er halt aufzieht, weil er ihn mag. In Kays Art, die relativ ruhig und gelassen scheint, wo es aber innerlich abgeht. Da ist viel von mir drin.

Die Sexszenen im Film sind sehr gelungen und total glaubwürdig, was ganz selten ist in Filmen mit schwulen Figuren. Wie kommt das?
Koffler: Wir haben da viel ausprobiert, obwohl wir ja von Kamera- und Licht, wegen der fast Dogma-artigen Bedingungen, nicht ganz soviel Freiheit hatten. Es sollte alles ganz natürlich sein.
Riemelt: Aber letztendlich entsteht ein Film auch am Schneidetisch und da war es hier glaube ich sehr wichtig, dass den Film mit Monika Schindler jemand geschnitten hat, der es so macht, das es für beide Geschlechter funktioniert, weil es eben nicht schwul oder hetero ist, sondern einfach schön und intim.

Findet ihr diesen Szenen selber erotisch, wenn ihr sie anguckt?
Riemelt: Ich finde sie sehr ästhetisch und auf dieser Ebene echt schön, aber nicht erotisch. Ich stehe nicht auf die Körper anderer Jungs, weil ich nun mal hetero bin, kann aber trotzdem ganz gut erkennen, ob die Interaktion zwischen den männlichen Körpern da vor mir funktioniert. Und das tut sie.

War es merkwürdig das zu spielen, gerade weil ihr gut befreundet seid?
Koffler: Im Gegenteil. Es war auch hier sehr wichtig, dass wir uns gut kennen. Weil du dich so viel besser fallenlassen kannst, während du spielst, weil du dich einfach sehr sicher fühlst. Nicht nur bei den Liebesszenen ist es so, dass wir beide beim Arbeiten nicht gerne Kompromisse eingehen. Und da war es gut, dass wir uns vertrauen konnten, aber auch unserem Regisseur Stephan Lacant.

Max, hat es dich eigentlich gestört, dass deine Figur, diejenige ist, die beim Sex immer der Passive ist?
Riemelt: Das sehe ich gar nicht so. Ich habe das mit dem Regisseur besprochen und wir sind dabei rausgekommen, dass ich da schon etwas zulasse, aber gleichzeitig auch die Kontrolle habe, weil ich ja der Erfahrene von den beiden bin. Für Marc ist das ja alles neu, es ist ja nicht so das der da einfach drauflos … Kay führt den ja auch ein in das was die beiden zusammen machen … er sagt wo es langgeht, weil er ist ja …

Das Wort nachdem du suchst heißt „Powerbottom“?
Koffler: Ich wusste immer, dass du sowas bist. Wie war das Wort?
Riemelt: Powerbutton.

Bottom.
Riemelt (lacht): Powerbottom. Wieder was gelernt. Das kannte ich noch nicht.

Würde ich falsch liegen, wenn ich sagen würde, dass Kay derjenige ist, der Marc zuerst will, aber Marc derjenige ist, der sich zuerst in Kay verliebt?
Riemelt: Wenn du das so sehen willst, klar kann das so sein.

Wie habt ihr diese emotionale Kurve denn gespielt?
Riemelt: Du weißt doch hinterher sowieso nicht, was am Schneidetisch entschieden wird, da kannst du dir schönsten Gedanken machen, im Schnitt wird neu gewürfelt und du bist raus.
Koffler (lacht): Da möchte ich dem Kollegen Riemelt widersprechen. Man legt Rollen schon irgendwie an.
Riemelt: Ja, klar. Trotzdem ist es so, dass im Schnitt entschieden wird, welche Blicke stehengelassen werden und welche nicht und das ist dann schon manchmal entscheidend dafür, wie Charaktere so wirken und welcher Fokus in einer bestimmten Szene plötzlich ganz woanders liegt, als du dachtest.
Koffler: Das stimmt.

Verführt Kay Marc eigentlich?
Riemelt: Klar, tut er. Aber nicht wirklich bewusst oder platt. Das ist einfach ein Programm was abläuft, gepaart mit ganz echtem Interesse an dem Menschen und einer wahnsinnigen sexuellen Anziehung. Liebe kommt später, aber der Übergang ist fließend..
Koffler: Sexualität und Liebe kann man sowieso nicht teilen.

Da würden dir jetzt viele schwule Männer widersprechen.
Koffler: Ich glaube nicht, dass sich das trennen lässt.

Schlaft ihr also nur mit Frauen, die ihr liebt?
Koffler: Na, in dem Moment schon.
Riemelt: Aha. (lacht).
Koffler: Es gibt ja viele Spielarten und Varianten, sowohl von Liebe wie von Sexualität. Ich würde das aber trotzdem nicht trennen wollen.

Ob man das trennen will, ist eine andere Frage.
Koffler: Aber ich glaube wirklich nicht, dass sich das trennen lässt.
Riemelt: Ich finde es wichtig, dass da ein Geheimnis bleibt. Ich kann das nicht so runterrationalisieren, es enträtseln. Für mich spielen da ganz viele Faktoren eine Rolle, die ich so gar nicht entwirren möchte, weil dabei vielleicht etwas verloren geht..

Warum hat die Geschichte in „Freier Fall“ kein Happy End?
Koffler: Hat sie das nicht?
Riemelt: Ist doch Ansichtssache, ich finde es gut, dass die Frage nicht eindeutig beantwortet. Das macht den Film doch erst so spannend.
Koffler: So ist es doch einfach im Leben: Die großen Krisen tun weh, aber in denen liegt auch die entscheidende Persönlichkeitsentwicklung verborgen. Willkommen und Abschied. So ist das im Film auch. Marc muss sich von ein paar Sachen, Vorstellungen, Gewohnheiten verabschieden, muss Dinge hinterfragen, aber dadurch erweitert er seinen ja eigentlich extrem beschränkten Horizont doch enorm. Der sagt nach der Geschichte mit Kay nicht mehr so einfach: „Du gehörst in die Schublade und du in die.“

Ich habe mich während des gesamten Films gefragt, ob die Figur eigentlich schwul ist.
Koffler: Ist das so wichtig? Ich mag es gerade, dass das nicht eindeutig ist.
Riemelt: Das ist ja der Ansatz des Films. Kann oder will man das immer so eindeutig sagen, gibt es da nicht hundert Graustufen, ist es eigentlich nicht viel differenzierter? Sind Gefühle und Sexualität nicht viel komplexer als: „Du hast jetzt mit dem und dem geschlafen, also ist das deine Neigung, also bist du jetzt das und das.“ Diese eindeutigen Schlüsse und Bezeichnungen sind etwas, mit dem ich Probleme habe.
Koffler: Ich finde es gut, dass der Film das mal aufweicht und es anders behandelt.

Ist es auch deswegen wichtig, dass erst weit in der zweiten Stunde des Films Marc überhaupt mal jemand, die Frage stellt, ob er schwul ist?
Koffler: Die Frage ist wichtig, wegen der daraus erwachsenden Konsequenz. Das Publikum stellt sich hoffentlich die Frage: Was wäre wenn er es wäre? Was würde das für sein Leben, seine Beziehung, sein Vatersein bedeuten? Geht nur das eine? Kann alles andere dann nicht mehr stattfinden? Wenn es ein paar dieser Fragen mit aus dem Kino nimmt und sich selber neu beantwortet, ist das doch schon mal was.

MÄNNER präsentiert:

„Freier Fall“ in der gayFilmnacht
vom 6.Mai an bundesweit.
Alle Spielstätten und Termine unter:
www.gay-filmnacht.de

Kinostart: 23. Mai
www.freierfall-film.de

Alle Kinos und Termine gibt’s hier:
http://www.salzgeber.de/delicatessen/termine_freierfall.html

VERLIEBT: MÄNNER IM MAI

Liebe Leser,

Ein bisschen erschrocken haben wir uns schon, als die Themenliste für dieses Heft fertig war. Da standen Agneta Fältskog, Claudia Roth, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Cascada in einer Reihe. Was für ein Weiberhaufen! Aber passt schon. Immerhin findet in diesem Monat der Eurovision Song Contest in Malmö statt und auch dort ist ein massiver „Frauenüberschuss“ in der Teilnehmerriege zu verzeichnen. Das wäre halb so schlimm, wenn man bei einigen der antretenden Sängerinnen nicht das musikalische Talent in Zweifel ziehen müsste. Was die deutsche Teilnehmerin Natalie Horler alias Cascada angeht, sagen wir nur so viel: Unser Interview mit der 31-Jährigen war so nett, dass wir ihr am 18. Mai ohne schlechtes Gewissen die Daumen drücken, auch wenn wir keine großen Fans ihres Songs „Glorious“ sind, der wirklich keinen Glanzmoment der Eurovisions-Geschichte darstellt. Aber auch echte ESC-Legenden kommen in dieser Ausgabe zu Wort. Und zwar in unserem Vier-Augen-Gesprächs mit Abba-Blondine Agneta Fältskog. Die Schwedin hat ein Soloalbum aufgenommen und taucht damit 39 Jahre nach ihrem Grand-Prix-Triumph mit „Waterloo“ und jahrelanger Funkstille aus der medialen Versenkung auf. Unsere Autorin Katja Schwemmers hat mit der „Greta Garbo des Pop“ übers Älterwerden und das Verhältnis zu den ehemaligen Bandkollegen geplaudert.
Um knallharten Machtkampf geht‘s bei unseren Polit-Ladies. Während Grünen-Schwulenmutti Claudia Roth den Liberalen im Gespräch mit Hans-Herrmann Kotte progressives Gerede bei völliger Tatenlosigkeit vorwirft, kontert Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger  (FDP), indem sie klare Signale in Richtung ihres Koalitionspartners CDU schickt und die völlige Gleichstellung der Homo-Ehe fordert.
Und da ist es schon wieder. Das Reizwort der letzten Monate. In letzter Zeit haben wir uns redaktionsintern oft gefragt, ob die schwule Heiraterei abgesehen vom Gleichberechtigungs-Aspekt überhaupt eine erstrebenswerte Sache ist. Diese Diskussion schlägt sich in diesem Heft in einem Kommentar von Paul Schulz nieder – der der unpopulären Ansicht ist, dass die Homo-Ehe eigentlich ein Rückschritt in die Kontrollsphären der Heteronormen ist. Wir freuen uns jetzt schon über Lesermeinungen zu der provokanten Streitschrift. Und nun zu den Themen, die dem Namen dieses Heftes im wörtlichen Sinne Ehre machen: Allen voran sind da unsere Cover-Models Max Riemelt und Hanno Koffler zu nennen. Den einen kennt man durch seine Auftritte in Kinofilmen wie „Die Welle“ oder „Napola“, den anderen als Boller-Homo aus „Sommersturm“ und Hauptfigur im Soldaten-Drama „Nacht vor Augen“. Nun spielen die beiden im Kinofilm „Freier Fall“ zwei Polizisten, deren scheinbar so geordnete Leben aus der Bahn geworfen werden, als sie sich unerwartet ineinander verlieben. MÄNNER hat Hanno und Max für ein exklusives Fotoshooting samt Interview gewonnen und sich davon überzeugen können, dass die beiden nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im wahren Leben ein schönes Paar abgeben. Zusätzlich gibt‘s eine Reportage über den wahren Alltag schwuler Polizisten in Deutschland, eine Fotostrecke zum neuen Bildband „Turn on: Boys“ und munteres Seilhüpfen mit Redaktionstrainer Patrick Thomalla. Das sollte reichen, um den Mai auszufüllen. Ab Juni meldet sich von dieser Stelle der neue MÄNNER-Chefredakteur David Berger. Bis dahin grüßen wir ein letztes Mal im Kollektiv als:

Die MÄNNER-Redaktion





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