Sing mir ein kleines Arbeiterkampflied

Tim Fischer singt Gerhard Woyda in der Bar jeder Vernunft in Berlin. Kevin Clarke war bei der gestrigen Premiere und fand Perlen und zurück geschmissene Blumen

Tim_Fischer_Copyright_Stefan_Malzkorn

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Einer unserer liebsten Chansonniers hat sich in der Hauptstadt angesagt – und das gleich für drei volle Wochen: Tim Fischer tritt bis zum 27. Mai in der Bar jeder Vernunft auf, mit einem Programm, das ausschließlich aus Liedern von Gerhard Woyda besteht. Der alte Herr aus Stuttgart (Gründer und Intendant des Renitenz-Theaters, wo Fischer einst seine ersten Auftritte absolvierte) hat dem inzwischen erwachsen gewordenen Showstar ein Programm auf den Leib geschrieben, das ihn von einer anderen Seite zeigt, als man das bisher gewohnt war. Es sind gut 30 Lieder, die man unter der Rubrik „Politisches Chanson“ zusammenfassen könnte, mit Titeln wie „Guantanamo“, „Berlusconi“, „Deutschland – Ein Varieté“ oder „Kriege wird es nie mehr geben“. Am Flügel begleitet – ganz wunderbar – Rainer Bielfeldt, der auch ab und zu mitsingt. Nur vereinzelt setzt sich Woyda, Jahrgang 1925, selbst an die Tastatur und begleitet seine Muse, etwa in den Liedern „Ich liebe menschenleere Straßen“ und die Selbstmordnummer „Avant de mourir“, mit der der erste Programmteils schließt, mit einem krachenden Pistolenschuss.
Nun ist es verständlich und auch gut, dass Künstler sich mit neuem Material ausprobieren wollen, das man nicht in erster Linie mit ihnen assoziiert. Und sagen wir’s mal so: Tim Fischer erweist sich im politischen Fach als extrem professioneller Sänger, der mit typischer, gestochen klarer Diktion die Texte zum Besten gibt, in denen es darum geht, dass „sich weltweit der maskuline Krampf entspannt“ oder im Fall des -Pädophilie-Songs „Priestergeschichten“ um einen „homoerotischen Folter-Sabbat“. Aber Fischer glänzt mit diesem Material nicht, da der leicht süffisante, ironische Tonfall Fischers einfach nicht zu den Inhalten passen will. Mehr noch: Da Fischer am gesamten Abend kein einziges persönliches Wort von sich gibt, zum Beispiel in Form von Conferencen, bleiben alle Lieder mehr oder weniger anonym. Sie folgen übergangslos aufeinander, ohne das Zusammenhänge hergestellt würden. Für eine reine Wunschkonzert-Anordnung, die Fischer auch weitgehend regungslos dastehend singt, sind sie aber meiner Meinung nach nicht gut genug. Nicht interessant genug. Nicht facettenreich genug. Oder sie bräuchten einen Interpreten vom Schlage Ernst Buschs, dem die Revolution in der Stimme liegt und dem man mit solchen Anklage-Liedern auf die politischen Zeitläufe eher zuhören würde als Fischer.
Dennoch finden sich an dem Abend kleine Kostbarkeiten, in denen Fischer zu großer Form aufläuft, etwa in dem Lied über eine 60-jährige Frau, die sich einen 16-jährigen Lover leistet. Am Schluss erstickt sie in seinen Armen „an einem viel zu langen Kuss“. Wenn, wie hier, Liebe, Leben und ein bisschen Gesellschaftskritik zusammenkommen, dann funktioniert die Fischer Magie durchaus, auch mit Woyda-Songs – was man am plötzlich aufbrausenden Publikumsapplaus merkt und an den Lachern, die aus dem Saal kommen. Auch das Rausschmeißerlied „Ich hasse Blumen“ verfehlt als Zugabe seine Wirkung nicht, wenn Fischer in einem Blumenmeer dasteht und die Blumen dem Publikum sozusagen wieder zurück ins Gesicht schmeißt. Mit einem verführerischen Lächeln, versteht sich. Doch selbst das wirkt an diesem Abend ziemlich professionell, rätselhaft fast. Und ein bisschen gespenstisch.
Von solchen Ausnahmemomenten wie dem „Blumenlied“ oder dem „Liebeslied“ abgesehen, muss ich gestehen, dass ich mich über weite Teile des Abends etwas gelangweilt habe. Und das sage ich als großer Fischer Fan. Meine Tischnachbarin meinte: „Wer den Fischer der Zarah-Leander- und Hildegard-Knef-Abende erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich auf was ganz Anderes und Neues einlassen will, wird schon eher Gefallen an ‚Tim Fischer sind Gerhard Woyda‘ finden.“
Wie gesagt: Es ist toll, dass Fischer sich ausprobiert und neue Formen des Chansons testet, um seine eigenen Grenzen auszuloten. Und wie immer, liegt in jedem Experiment das Risiko des Scheiterns. Ohne das man als Künstler nicht wachsen kann. Wie seine Fan-Basis auf diese neuen Facetten seiner Unterhaltungskunst reagieren wird, werden die kommenden drei Wochen zeigen, in denen Fischer allabendlich im Spiegelzelt zu sehen sein wird. Zur Premiere schauten schon Marianne Rosenberg und viele Fernsehkameras vorbei.

Die CD zur Show ist bereits im Handel, sie kam anlässlich der Uraufführung des Programms in Stuttgart heraus.

Karten-Telefon: 030-883 15 82 oder reservierungen@bar-jeder-vernunft.de

Karten inkl. aller Gebühren: VVK 24,50 bis 29,50 Euro, Abendkasse 19,50 bis 24 Euro. Studentenkarten an der Abendkasse: 12,50 Euro

Ladies are Gentlemen

Lady Gagas Klebeband-Kleid, Cheryls Wimpern oder Rihannas rotes Haar – die neue Generation der Popstars lässt sich inspirieren von der hippen alternativen Drag-Szene in London und San Francisco. Und verhilft Drag damit zu einem spektakulären Comeback. Fotograf Peter Werner arbeitete mit einigen prominenten Trannies fürs Projekt „Me And My Idol“ zusammen, eine Rückbesinnung auf klassischen Drag in Zeiten des Umbruchs.

Text: Kevin Clarke, Foto: Peter Werner

Man mag ein bisschen staunen, aber Dragqueens erleben derzeit ein spektakuläres Comeback – als Inspiration für Popstars, Modegurus und Kunstkenner. Von Rihannas rotem Jessica-Rabbit-Haar über Cheryl Coles fette falsche Wimpern bis zu Cindy Shermans Make-up für MAC und Lady Gagas Fantasy Outfits. Alles pure drag! Und plötzlich pilgern Designer, Fotografen und Moderedakteure, ganz zu schweigen vom Creative Team des Haus of Gaga, zu den prominenten Trannie Shows in East London oder Trannyshack in San Francisco, um sich dort – dem neuen Mecca Creativa – inspirieren zu lassen. Die Folge: In Großbritannien werden prominente Trannies wie Jonny Wood mit eigener TV-Show gesegnet und von Hochkulturinstitutionen wie der National Portrait Gallery als Kuratoren für Spezialevents eingeladen, wo sie Heteros zeigen, „wie man eine Rolltreppe richtig heruntervogued“, wie Woo sagt. Und in Kanada wird Jason Wimberly zum „Queer of the Year“ gewählt. Während die progressive Drag-Szene boomt und in eine schillernd schrille Zukunft blickt, hat der Fotograf Peter Werner mit „Me And My Idol“ ein Projekt gestartet, das den Blick eher zurück wendet. Er hat eine Reihe prominenter – und durchaus moderner – Dragqueens aus den USA und Berlin überzeugt, an einer Hommage an die Grandes Dames der Vergangenheit und Gegenwart mitzumachen, von Jean Harlow, Marilyn Monroe und Liz Taylor bis zu Madonna und Heidi Kabel. Das ist natürlich total retro und klassischer Drag mit Glam-Anstrich. Man kann’s aber auch als back to the roots sehen. Denn: Wie in der Schwulenszene, ist auch in der Drag-Welt eine Reflexion der eigenen Geschichte angesagt. MÄNNER sprach mit Peter Werner über seine „Me And My Idol“-Serie.

Wann hast du mit der Arbeit an „Me And My Idol“ begonnen – und was hat dich inspiriert?
Mit dem Projekt begann ich letztes Jahr im Frühling. Eigentlich fing alles damit an, dass ich einen guten Freund in Drag traf, von dem ich nicht wusste, dass er als Dragqueen auftrat. In Drag heißt er Sandy Shorts, und ohne Drag ist er Privattrainer in einem Sportstudio, wandert in den Bergen und fährt Motorrad. Ich war so fasziniert von seiner zweiten Persona, dass ich ihn unbedingt fotografieren wollte. Als Mann und als Sandy Shorts. Kurz darauf kam mir die Idee zu „Me And My Idols“.

Wonach hast du deine Modelle ausgesucht – und die Persönlichkeiten, die sie spielen?
Nachdem ich Anna Conda als Greta Garbo und Heklina als Squeaky fotografiert hatte, hat es sich in der Drag-Szene von San Francisco schnell rumgesprochen, was ich da mache. Ich wurde oft von den jeweiligen Ladys auf weitere Talente hingewiesen. Alle haben sich ihr Idol für Shooting selbst ausgesucht. Dabei habe ich aber darauf geachtet, nicht nur Doppelgänger zu fotografieren. Ich wollte nicht unbedingt, dass die Bilder ihrer Idole 100 Prozent wie das Idol aussehen, sondern immer die Essenz der jeweiligen Dragqueen erkennbar bleibt. Manchmal habe ich berühmte Originalbilder nachgestellt, manchmal habe ich mich einfach inspirieren lassen vom Idol und der Dragqueen. Außerdem habe ich immer ein „Vorher“-Bild gemacht, und zwar so, wie sich die Dragqueens selbst darstellen wollten.

Wie verlief die Arbeit?
Der Fotoshoot mit Honey Mahagony war besonders toll. Wir haben an einem Sonntag fotografiert, bei den Sutro Baths an der Küste von San Francisco. Sie war als Helena von Troja gekleidet und hatte zwei sexy Männer dabei, die als ihre Verehrer fungierten, in knappen Togas. Zusammen mit Honeys Freund und Assistent und meinem Assistenten waren wir eine kleine bunte Truppe, die an den Klippen herunterkletterte, und das vor Massen von Touristen, die natürlich alle neugierig guckten, was da vor sich ging. Am meisten lachen musste ich bei Suppositori Spelling, die vor nichts zurückschreckte, sich nackt als schwangere Demi Moore fotografieren ließ und ein paar Tage danach fürs „Vorher“-Bild als 70er-Jahre-Stricher mit angeklebtem Schnurrbart vor der Bar STUD in San Francisco. Sehr cool. Und retro. Und damit eine Brücke schlagend zwischen gestern und heute. Und morgen. Wie ich finde. Man kann die komplette  Bild-Serie in meinem neuen Buch sehen.

“Me And My Idol”
Peter Werner
Bruno Gmünder Verlag, 128 Seiten

ÜBER DEN LADENTISCH

Elmar Bruder vom Brunos Store in München, dem letzten noch verbleibenden schwulen Buchladen in der bayerischen Hauptstadt


Was Liest du Gerade?

O Schweinskopf al Dente von Rita Falk. Nicht schwul, aber herrlich skurril, kriminell, familiär und trotzdem eine erfrischende Geschichte. Krimi made in Bayern!

Dein Lieblingsbuch?

Darling, ich bin deine Tante Mame! Die Neuauflage des bereits 1955 erschienenen Romans über den kleinen Waisenjungen Patrick, der bei seiner exzentrischen Tante und ihren Künstlerfreunden aufwächst. Nicht nur für Fans exaltierter Diven heute noch absolut lesenswert.

Die schönste Literaturverfilmung?

A Single Man. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Christopher Isherwood aus dem Jahr 1964, inszenierte Tom Ford (Regie und Drehbuch) ein filmisches Meisterwerk. Unglaublich beeindruckende Bilder, schöne Menschen und ein brilliant spielender Colin Firth. Bereits in diesem wundervollen und einfühlsamen Film war er des Oscars würdig, zusammen mit einer atemberaubenden Julianne Moore. Sehr sehenswert.

Münchens anderer Schwuler Buchladen Max und Milian hat vor kurzem Geschlossen …

Mit Max und Milian hat München ein Stück schwuler Kultur verloren. Ich denke aber, nur Buch wird es als Verkaufskonzept einfach nicht mehr lange geben. Hier in München schließen leider immer mehr Läden des rein schwulen Lebens. Es gilt also nicht nur für Buchläden. Neue Konzepte und frischer Wind müssen her. Die schwule Szene durchläuft in den letzten Jahren einen gewissen Wandel und öffnet sich immer mehr nach allen Seiten. Dabei muss sie sich weiter beleben und durch Konsum erhalten werden, sonst ist sie bald Geschichte. Und das wäre wirklich schade.

Komm in meine Arme

David Sooter: Der Coach aus dem MÄNNER-Fitnessteam gibt Tipps, wie man seine Oberarme in optimale Powerform trainiert und damit alle Blicke auf sich lenkt

Dicke Muckis für alle! (Foto Moritz Tellmann)

Dicke Muckis für alle! (Foto Moritz Tellmann)

Sie sind unbestritten der Erotik- und Attraktivitätsfaktor Nummer 1, wenn es um die Frage nach dem „Männerkörperteil“ mit dem größten Eindruck auf Mann (und Frau) geht. Na ja, fast. Von Reliefs gezeichnete, kraftvolle Arme sind ein Symbol der Männlichkeit und Stärke. Und auch wenn es um schwierige körperliche Leistungen oder komplizierte Bewegungsabläufe geht, so sind starke Arme doch ein wesentlicher Faktor des Erfolges. Nicht zuletzt hat Arnold Schwarzenegger erst durch seine Arme seine Rumpfmuskeln so entwickeln können, wie sie sind. Jeder Arm kann bis zu zehn Kilo wiegen, bis zu 140 Kilo Last alleine bewegen und ist der beweglichste freie Körperteil des Menschen. Nicht nur Bizeps und Trizeps, auch viele andere Muskeln des Unterarmes geben dem Arm seine Form. Übrigens: Der Trizeps macht gut zwei Drittel des Oberarmumfangs aus, wenn er gut ausgebildet ist. Je näher die Muskeln der Hand kommen, desto feiner ihre Ansteuerung, um auch Dinge wie den Pinzettengriff und das Spielen von Musikinstrumenten zu beherrschen.
Für Sportler ist der Arm auch deshalb so wichtig, weil ein Großteil der Leistung über den Arm erst freigesetzt werden kann. Man stelle sich einen Schwimmer ohne Arme vor, einen Gewichtheber ohne einen festen Griff oder einen Fußballer im Zweikampf. Undenkbar. Also: Zeit, den Armen das Nötige und Respektvolle zu geben. Mit wenig Aufwand – nämlich Beugung und Streckung – lässt sich der Arm exzellent in Form bringen. Dabei zählt vor allem das benutzte Gewicht. Möchte man dicke und muskelbepackte Arme, so sollte man ein Gewicht wählen, welches nach acht und 12 Wiederholungen der Übung keine weitere zulässt. Wer seine Arme ausdauernd und zäh trainieren möchte, der wiederholt eine Übung bis zu 30 Mal. Eines vorab: Wer regelmäßig Klimmzüge, Liegestütze und Kniebeugen macht, wird starke und funktionell durchtrainierte Arme ernten. Dazu noch die folgenden fünf Übungen mit freien Gewichten und dem eigenen Körpergewicht – und schon fällt einem das Leben leichter. Man kann entspannt und gut aussehen und auch mal jemanden auf den Arm nehmen. Lass dich vor allem im Fitnessstudio nicht verrückt machen, wenn es heißt, du musst zehn verschiedene Armübungen oder generell eine Stunde Armtraining machen. Die Arme sind schnell zufrieden: hohes Gewicht, konzentriertes langsames Kontrahieren. 20 Minuten, und beide Seiten sind vollständig erschöpft. Ja, es tut weh in den Armen. Aber ist das Nachlassen des Schmerzes nach den 12 Wiederholungen nicht fantastisch?

Tipps zum Betonen von „schmalen“ Armen

Kurze Ärmel zeigen möglichst viel vom Arm
Je gebräunter die Haut der Arme, desto mehr Relief und Schattenwurf vorhanden
Bizeps und Trizeps immer gleichmäßig trainieren
Auch die Schulter nicht vernachlässigen, dann kommen vor allem die Oberarmpartien deutlich besser zur Geltung
Arme im Alltag viel benutzen, z. B. Tüten tragen, Türen manuell öffnen, am Geländer hochziehen, per Hand spülen, beim Umzug helfen etc.

Tomboy

Céline Sciammas leichte Sommerkomödie über einen kleinen Jungen, der keiner ist, war der TEDDY-Gewinner 2012,  ist jetzt schon ein Publikumshit in Frankreich und ab heute auch bei uns ein großes Vergnügen für große und kleine Jungen

Zoé Héran als Laure - und Michael (Foto Alamode Film)

Zoé Héran als Laure - und Michael (Foto Alamode Film)

Michael ist ein ganz normaler Junge. Er guckt gern beim Fußball zu, flirtet unbewusst ein bisschen mit Mädchen und trägt gern Sportklamotten. Bis ihn seine Mutter in ein Kleid zwingt und zu den Nachbarn schleppt, um sich für das kerlige Verhalten ihrer Tochter Laure, wie sie Michael nennt, zu entschuldigen. Céline Sciammas zweite Regiearbeit nach Water Lilies ist ein fantastischer kleiner Film, über die große Geschlechterfrage: Bin ich, was mein Körper sagt, oder was ich sage? Zart, berührend, amüsant und eine Sommerkomödie, die sich in ihrem Herkunftsland Frankreich gerade straff auf die 1 Million Zuschauer-Marke zubewegt. Ob deutsche Zuschauer auch soviel Geschmack haben? Es wäre Tomboy zu wünschen. Ab heute im Kino.






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